Zum Streit um Kaisers Bart
"Du piekst!" Das ist wohl das stechendste Argument gegen eine Haartracht im Gesicht. Auch die Unwiderstehlichkeit eines James Bond hängt nicht zuletzt mit seinem glatten Wesen zusammen, und so lobt man seine "scharfe Rasur". Agent kussfertig für Ihre Majestät. Auf diese Idee muss man natürlich erstmal kommen! Unsere Vorfahren taten's erstaunlich früh: Spezielle Rasiermesser sind aus der Bronzezeit gefunden worden - nicht gerade eine Epoche, die als übermäßig galant bekannt ist. Vielleicht sollten wir umgekehrt fragen: Was hat sich die Schöpfung beim Bart eigentlich gedacht? Nur ein lästiges Überbleibsel der ehemaligen Ganzkörperbehaarung? Warum dann nur beim Mann - beim erwachsenen Mann, genauer gesagt?
Affen wollen mehrFür den Verhaltensforscher Desmond Morris, der den Menschen als "nackten Affen" zu beschreiben pflegte, stellt der Bart ein Stigma des alten Mannes dar. Wer nicht abgeschrieben werden will, dem bleibt nur das Messer. Rasieren wäre demnach eine Art Schönheitsoperation, ein Akt der Täuschung, der sozialen Camouflage. Aber das Alter hat natürlich auch positive Aspekte: Erfahrung, Weisheit, Charaktertiefe zählen dazu, und der Bart scheint diese unverzichtbar zu begleiten. Propheten, Richter, Weihnachtsmänner - keinem stünde ein Babyface gut zu Gesicht. Doch ganz so einfach ist die Sache trotzdem nicht. Der Bart als AvantgardeIm alten Ägypten trugen Götter, dh als Götter dargestellte Könige, einen künstlichen Kinnbart, den sie sich umbanden, wie unsereiner sich eine Krone aufgesetzt hätte. Das Auffällige daran lag nicht so sehr in seiner Künstlichkeit als in seiner kunstvollen Form, denn er war rüsselförmig und nach vorn gebogen. Österreicher und Preußen werden dieser monarchistischen Bartfantasie wohl am ehesten mit Verständnis begegnen können. Überall trifft man in der Geschichte auf Staatsoberhäupter, die barttechnisch geradezu Trendsetter waren, Moden festlegten und neue ästhetische Visionen entwarfen. Angefangen bei den römischen Kaisern, über Heinrich IV. (1553-1610) - was pikanterweise dazu führte, dass Napoleon III. (1808-73) einen zu seiner Zeit so genannten Heinrich-IV.-Bart trug - bis hin zu Kaiser Franz Josef I. dessen berühmter Backenbart diese unvergleichliche Walross-Anmutung besaß. Und mit seinem nach oben geknickten Zwirbelbart, eine Kreation des genialen Hoffriseurs Francois Haby, erwies sich der deutsche Kaiser Wilhelm II. schließlich allen voraus. Der Volksmund sprach in plebejischer Belustigung vom "Es-ist-erreicht"-Bart. Das wird sich Salvadore Dali auch gedacht haben, als er auf dem Höhepunkt seiner Karriere ein Revival des Zwirbelbartes versuchte. Seine offizielle Begründung, "Er dient mir als Radar", ist aber keineswegs surreal, sondern bekundet ursprüngliche sinnliche Sensibilität. Erinnert diese Bartform doch tatsächlich an ein Orientierungsorgan wie zum Beispiel die Barthaare einer Raubkatze oder die Tentakel eines Insektes. So trifft sich politische und künstlerische Extravaganz im mutigen Sich-Heraus-Tasten aus dem Sumpf des common sense. Bart und BarbareiWenn die nördlichen Nachbarn der Römer pauschal als Langobarden betitelt wurden, drückt dies eine kulturchauvinistisch abwertende Haltung gegenüber Bartträgern aus. Dabei trugen die Römer ursprünglich selbst Vollbärte; das Scheren galt in archaischer Zeit als Trauerzeichen. Nachhaltig durchsetzen konnte sich die Glattrasur in der Antike erst, nachdem das mazedonische Militär sie sich zur Sitte gemacht hatte. Von da an verkörperte der rasierte Look das Ideal der attischen High Society. Militärische Disziplin, Ordnung und geregelte Tagesroutine schienen eine zivilisatorisch überlegene Leistung über das animalische Barbarentum zu bezeugen; die Römer konnte wie üblich wieder nur noch kopieren. Der Bart hatte seine Unschuld verloren. Zum Sinnbild des Wilden verkommen nahmen sich Außenseiter und Nonkonformisten seiner an. Neben Asozialen, sowie angeklagten und verurteilten Verbrechern trugen vor allem die Freigeister und Philosophen Bärte. Nicht bloß Revoluzzer, die sich passiv-aggressiv vermummen wollten, oder energiesparende, biophile Hippies - nein: Akademiker von Rang und Namen. Nichtsdestotrotz ist dem Bart der anarchistische Hautgout erhalten geblieben. Jeder verstand darum sofort ihr Signal, als in den 1840er Jahren die politischen Oppositionellen sich mit einem Bartkranz (Fräse, "Demokratenbart"), schmückten. 1846 folgte prompt ein offizielles Bartverbot für preußische Beamte. Äußerer Schein trügt eben nie. Lektion für DandysTom Wolfe, selber bartlos, brachte in einem Interview (Spiegel, 35, 1999) seine Bewunderung für den spätantiken Philosophen Epiktet mit einer Anekdote zum Ausdruck: Dieser sei während der Regentschaft Domitians vor die Wahl gestellt worden, entweder seinen Bart abzurasieren oder geköpft zu werden. Er bekam vierundzwanzig Stunden Zeit, um über die Sache nachzudenken - er aber sagte: "Ich brauche keine vierundzwanzig Stunden. Ich rasiere ihn nicht ab." Man fragte ihn, ob er denn etwa geköpft werden wolle. Seine Antwort: "Ihr tut , was ihr zu tun habt, und ich verfolge meine Aufgaben. Ich bin nur eine Schüssel voll Lehm mit ein wenig Blut darin, und eines Tages muss ich eh beides wieder zurückgeben." - Der Bart steht hier wie der Tod für Gegebenheiten der Natur, gegen die der Stoiker nichts zu unternehmen gedenkt, weil sie nicht "seine Sache" sind. Wir können davon ausgehen, dass Epiktet seinen Bart sehr sorgfältig aber leidenschaftslos gepflegt hat. Der vernünftige Umgang mit dem Bart ist somit ironisch-distanziert - Bart pour Bart. Selbst ist der MannJeder Mann besitzt von Natur aus einen individuellen Bart. Nur kennen ihn erstaunlicherweise die wenigsten. Wenn man sich für einen Bart entscheiden will, darf man nicht nach dem Gängigen Ausschau halten. Sicher, es gibt den Bart auch als modisches Accessoire... Zu den coolen Bärten zählt zum Beispiel die Einfassung von Mund und Kinn. Leider kann das auch so ähnlich aussehen wie die vom restlichen Kopf getrennte Mundklappe einer Marionette. Wie also sonst? Anfangs muss man den Haaren freien Lauf lassen. Danach geht man vor wie ein Steinmetz am Marmorblock. Wo wachsen die Haare, wo sind sie dichter oder lichter usw. Danach passt man seine Idee entsprechend an. Stilisierungen sind wünschenswert, doch Spielereien sind tabu, sofern man Wert auf Eleganz legt. Wer partout einen Bart zu kultivieren versucht, den er aufgrund seiner Veranlagung gar nicht hat, macht eine peinliche Figur. Grundsätzlich sollte Bartpflege ein Mittel der Verfeinerung sein und nicht der Verschleierung. Unschönes kann durch Unschönes nicht schöner gemacht werden. Wohl aber aus einer Not eine Tugend.